Quellennachweis: J. Metzler, G. Thill, R. Weiller - Ein umwallter gallo-römischer Gutshof in "Miecher" bei Goeblingen. Hémecht 3/73"
Die ältesten Zeugen frühester Besiedlung auf dem Bann der Gemeinde Koerich befinden sich inmitten des Wäldchens "Miecher" zwischen Goeblingen und Nospelt. Hier wurden vor rund zwanzig Jahren die ersten Überreste eines umwallten gallo-römischen Gutshofes freigelegt.
Um diese Fundstelle besser einreihen zu können, muss man zuvor einen kurzen Einblick in das römische Stellungsgebiet des westlichen Treverergebietes zwischen Orolaunum (Arlon) und Augusta Treverorum (Trier) tun.
Für einen Aussenstehenden wirkt die bisher rund 400 römische Fundstellen zählende Besiedlungsdichte unseres Landes äusserst überraschend. Allerdings konnten in den fruchtbaren Ebenen Frankreichs oder in verschiedenen Gegenden des Rheinlandes noch engere Siedlungsmosaike gesichert werden.
Die Siedlungsstruktur zur Zeit der römischen Imperatoren glich keinesfalls dem heutigen Landschaftsbild. Die Römer kannten in unseren Gegenden keine Bauernhöfe, d.h. Gruppensiedlungen mit rein landwirtschaftlicher Funktion. In der Antike war in Gallien auf dem flachen Land die Streusiedlung die Regel d.h. die römischen Bauernhöfe lagen einzeln, inmitten der Felder.
Der Begriff "römische Villa" bezeichnet allerdings nicht, wie heutzutage eine luxuriöse Residenz, sondern einen vorwiegend landwirtschaftlichen Betrieb. Der Reichtum der Grundbesitzer ermöglichte zwar oft, dass ihre Gehöfte sehr grosse Ausmasse erreichten und einen überschwenglichen Luxus aufwiesen, doch finden wir auch kleinere Villen, wo Wohnbereich, Stall und Scheune unter einem Dach vereint sind.
Meist produzierten die römischen Gehöfte, die in der Grösse heutigen modernen landwirtschaftlichen Betrieben entsprechen, für den Verkauf auf den Märkten, die an den grossen Römerstrassen entstanden. Vor diesen Märkten wurden die Produkte an die grossen Städte und an die Militärlager weitergeleitet. Nach und nach entstanden hier Siedlungen, die vom Handel und vom Handwerk lebten. Aus diesen Ortschaften entwickelten sich bald Regionalzentren, die neben ihrer wirtschaftlichen Rolle auch eine politische und religiöse Wichtigkeit erhielten. Solche Gruppensiedlungen findet man in unseren Gegenden in Dalheim, Altrier, Niederanven und Mamer.
Vor rund einem Vierteljahrhundert fanden sich in Nospelt eine Handvoll Amateure zusammen, die mit primitiver Ausrüstung, darum aber mit umso grösserem Eifer der Lokalgeschichte nachforschen wollten. Unter Leitung von Pfarrer G. Kayser, der auf dem Titelberg bereits seine ersten praktischen archäologischen Kenntnisse erwarb, studierten sie systematisch die Landschaft.
Dabei stiessen sie auf einige "verdächtige" Bodengestaltungen im Sektionswald Goeblingen. Sie machten lokale Sondierungen und waren ob der dabei gemachten Entdeckungen so überrascht, dass sie Fachleute des Staatsmuseums zu Rate zogen. Ein Gutachten der Trierer Spezialisten bestätigte schliesslich ihre Vermutungen, sie waren auf die Spuren der Römer gestossen.
Manche geschichtliche Unterlagen deuteten darauf hin, dass in diesem kleinen Wäldchen solche Funde zu erwarten waren. Schon der Flurname "op Miecher" ist gleichbedeutend mit Gemäuer, Trümmerhaufen oder Ruine. Er soll auf den lateinischen Ursprung "maceriae" oder "macieres" zurückgehen und findet sich unter anderem in den Ortsnamen Macher, (Grevenmacher), Mecher und Miecher wieder.
Nospelt ist besonders bekannt wegen seiner Töpfereien. Erwiesenermassen funktionierte in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung auf dem "Tossenberg" bei Mamer eine römische Töpferei. Der Name "Eilebäcker" der besonders in der Nospelter Gegend noch häufig vorkommt, geht auf das lateinische Wort "aula" - Topf zurück.
Luxemburger Geschichtsforscher sind sich darüber einig, dass sich die Römerstrasse, die Oralaunum (Arlon) mit Augusta Treverorum (Trier) verband, in der Umgegend von Mamer mit einem Diverticulum (zweitrangige Römerstrasse) kreuzte, der von Titelberg im Süden nach Mersch ins Alzettetal führte.
Dieser Weg berührte erwiesenermassen Garnich und Kehlen, ging also nicht weit an besagtem Wald vorbei.
Schliesslich wurden in der fruchtbaren Umgegend wenigstens vier gallo-römische Gutshöfe lokalisiert, nämlich in Eischen, Kehlen, Mamer und Garnich. Bevor Pfarrer G. Kayser seine Ausgrabungen begonnen hatte, war nur bekannt, dass dort gelegentlich fremdartige Ziegel und Tonscherben zum Vorschein kamen. Es war auch die Rede von einer uralten, verfallenen Kapelle und von einem verborgenen Schatz. Als willkommene Steingrube werden die Ruinen im Laufe der Zeit öfters gedient haben, vielleicht ein letztes Mal als der Waldweg durch "Miecher" neu gepflastert wurde.
GESAMTPLAN DES GALLO-RÖMISCHEN GUTSHOFES BEI GOEBLINGEN
GEMEINDE: Koerich; FLUR: "Miecher"
GALLO- RÖMISCHER GUTSHOF BEI GOEBLINGEN
GEMEINDE: Koerich; FLUR Miecher.
GRUNDRISS GEBAUDE
Gebäude I von Süd-Osten gesehen. Vorne links ist der 5,30 Meter tiefe Brunnen
sichtbar.
Beginn der Ausgrabungen von Gebäude III
Die ersten, im Jahre 1964 gemachten Entdeckungen und Ausgrabungen wiesen darauf hin, dass es sich beim gallo-römischen Gutshof in Miecher nicht um ein einzelnes Gebäude handelte, sondern bisher wurden zwei Gebäudekomplexe (I und II} freigelegt, und zwei weitere Baureste (III und IV) sind oberflächlich erkennbar und ihre Ausgrabung ist auch schon beschlossen.
Die vier Gebäude liegen ohne erkennbares System, inmitten einer rautenförmigen Umzäunung. Diese Hofumfassung schliesst sich wallartig um den Gebäudekomplex, doch ist bis jetzt noch nicht ersichtlich, ob sie vielleicht eine Holzpallisade oder eine Umzäunungsmauer trug, oder ob eine Torunterbrechung im Wall war.
Das erste der ausgegrabenen Gebäude (l) kann man als Herrenhaus einstufen. Es ist allerdings nicht, wie die meisten Hauptgebäude römischer Gutshöfe in die Hofummauerung eingebunden, sondern es liegt innerhalb der umwallten Fläche. Seine Grundmasse von 34,50 x 20 m lassen eher auf ein kleineres Gutshaus schliessen.
Der Bau mit querrechteckiger Eingangshalle und vorspringenden Eckrisalitten ist nach mediterranem Muster gebaut. Dieser Typ von Herrenhäusern war in den gallischen und germanischen Provinzen überaus verbreitet. Das stellenweise bis zu einer Höhe von 1 m erhaltene Mauerwerk weist eine genaue Symetrie auf, und ist aus Handquadern von oolitischem Korallenkalkstein, der wahrscheinlich in den Steinbrüchen des 25 km entfernten Differdinger Raumes gebrochen wurde, errichtet worden. Ein magerer Kalkmörtel hielt die Steine zusammen.
Der Erbauer dieses gallo-römischen Gutshofes hat hier zwar ein kleines, aber reich ausgestattetes Wohnhaus errichtet. Dies wird bewiesen durch die toskanischen Säulenbasen oder die Pilasterbruchstücke aus Kalkstein und die vielen Spuren und Überreste von Wandmalerei und Keramik. Wahrscheinlich wurde der Bau in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus errichtet, doch wurde er in seiner rund 150jährigen Benutzung durch verschiedene Umbauten stark von seinem ursprünglichen Grundriss abgewandelt. Eine genaue Datierung der einzelnen Bauphasen lässt sich nicht durchführen.
70 m westlich des Herrenhauses (I), wurde ein grösserer Bau ausgegraben, der nicht so recht dem Charakter eines Nebengebäudes eines römischen Gutshofes entspricht.
Auch dieser Bau wurde im Laufe der Jahre mehrmals umgebaut, so dass man den ursprünglichen Grundriss nur noch sehr schwer erkennen kann. Hinzu kommt noch, dass die Wurzeln von über 100jährigen Buchen die Mauern teilweise stark zerstört haben, so dass es an klaren Überschneidungen und ungestörten Schichten der Fundamente fehlt. Die Zugänge zu den einzelnen Zimmern waren nicht mehr erhalten.

Bei den Ausgrabungen in "Miecher" kamen besonders viele Eisengeräte zutage, und somit kann man sich leicht einen Einblick in das Leben und Werken der Gutsbewohner machen.
Mit jeden weiteren Ausgrabungen in "Miecher" werden neue Fragen und neue Probleme aufgeworfen, doch werden auch eine ganze Anzahl von Problemen gelöst werden, und manche Hypothese wird eine vorläufige Antwort finden. Eine Lösung aller Fragen ist umso wichtiger, als es sich bei dem Gutshof um einen fast einzigartigen Komplex handelt, von dem die überaus seltene Umwallung noch klar zu erkennen ist.
Fest steht, dass sich bis zum 1. Jahrhundert ein Vorgängerbau an Stelle von Gebäudekomplex (II) befand, dessen Grundrisse man aber nicht mehr klar erkennen kann. Sicher blieb die Besiedlung bis in die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts erhalten. War dieses Gebäude nun ein Bad oder hat es vielmehr als Gesindehaus gedient?
Wie die vielen Umbauten und der grosse Reichtum der Funde bestätigen, dürfte es sich vielmehr um ein Hauptwohnhaus handeln, das erst seit der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts, also nach dem Bau des neuen Herrenhauses (I) als Bad oder Gesindehaus benutzt wurde.
Über die landwirtschaftliche Tätigkeit der Gutsbesitzer von "Miecher" kann man augenblicklich noch nicht viel berichten. Zwar wurden verschiedene Werkzeuge wie eine sehr gut erhaltene Pflugschar, ein tragbarer Amboss, ein Zirkel, komplizierte Schlüssel und Öllampen gefunden, doch muss man die Untersuchungen der wirtschaftlichen Nebengebäude abwarten, bevor man ein richtiges Bild der Nutzung dieser ackerbaulich reichen Gegend in der Antike geben kann. Die vielen Einzelfunde deuten jedenfalls auf eine verhältnismässig grosse Eigenständigkeit des Gutshofes hin.
Die Germaneneinfälle der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts, denen die meisten römischen Siedlungen unserer Gegend zum Opfer gefallen sind, dürften den römischen Gutshof bei Goeblingen verschont haben. Erst in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde die Besiedlung aufgegeben, aber man kann bis heute keine Spuren einer gewaltsamen Zerstörung finden.